„Wildnis zulassen – Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt im sächsischen Staatswald umsetzen“

Rede von MdL Kathrin Kagelmann zum Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Drs 6/13698 mit Stellungnahme der Staatsregierung 085. Sitzung des 6. Sächsischen Landtages, 14.12.2018 zum Thema: „Wildnis zulassen – Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt im sächsischen Staatswald umsetzen“
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Damen und Herren Abgeordnete,
Um es gleich vorweg zu nehmen: Unsere Fraktion unterstützt das Anliegen des Antrages grundsätzlich, wir werden uns trotzdem in der Abstimmung enthalten, weil wir den starren Zielsetzungen nicht folgen wollen.
Richtig ist – und das zeigt der bundesweite Vergleich, den wir in unserer großen Anfrage zum Staatsbetrieb Sachsenforst zur Verteilung von Naturwaldreservaten abgefragt haben – dass Sachsen mit erheblichem Abstand (!) weniger Naturwaldzellen als die anderen Bundesländer aufweist – bei uns sind lediglich 0,06% der Waldfläche des Landes als Naturwaldzellen geschützt. Das ist in etwa so viel wie in Brandenburg, aber nur halb so viel wie die übrigen Bundesländern mit bereits unterdurchschnittlich wenigen Naturwaldzellen wie etwa Hessen, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt.
Was also noch als Naturwaldzelle ausgewiesen werden kann, sollte auch ausgewiesen werden.
Anzuerkennen ist aber gleichzeitig – und darauf verweist die Staatsregierung in ihrer Stellungnahme -, dass Sachsen über die im Vergleich zu den anderen Bundesländern größten Anteile an instabilen Fichtenbeständen verfügt. Und wir haben auch Probleme bei Kiefernreinbeständen, aber da ist wohl Brandenburg der Spitzenreiter. Angesichts eines dringend notwendigen klimawandelfesten Waldumbaus stellt das eine besondere Herausforderung dar.
Aber es macht aus unserer Sicht genauso wenig Sinn, in Waldbestände vor einem vernünftigen Erntealter der Bäume in größerem Umfang einzugreifen.
Daher kollidiert der Anspruch einer forcierten Ausweitung von Naturwaldzellen über die wenigen naturschutzrelevanten Flächen hinaus, die bereits als Totalreservate geschützt werden, mit dem Erfordernis, die standortwidrig bestockten Flächen erst einmal umzubauen.
Aber es gibt auch die Wälder, die bereits naturnah bestockt sind, die sich aber beispielsweise wegen ihrer Steillage nicht ohne Weiteres ernten lassen. In diesen Wäldern gibt es häufig die naturschutzfachlich begehrten „ununterbrochenen Habitattraditionen“, weil Generationen von Förstern eher leichter zugängliche Flächen beerntet haben.
Im Sachsenforst-Naturschutzkonzept auf Seite 37 ff. ist erläutert, was mit diesen Flächen geschehen soll: Sie werden hinsichtlich ihrer naturschutzfachlichen Bedeutung bewertet und dann sollen sie „periodisch aus der Nutzung genommen“ werden. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass diese Flächen je nach Kassenlage dann doch wieder beerntet werden sollen.
Was wir nicht wissen ist, welchen Gesamtumfang derartige Flächen haben, vielleicht macht Forstminister Schmidt dazu heute noch eine Aussage. Sicherheitshalber habe ich eine entsprechende Kleine Anfrage gestellt.
Es kommt noch ein weiteres Problem hinzu:
Der Totholzvorrat (m³/ha) in Sachsen bewegt sich gerade einmal bei der Hälfte des Bundesdurchschnittes – insbesondere die starken Dimensionen beim stehenden Totholz fehlen hier, weil diese Bäume bereits geerntet wurden oder werden.
Die letzten Refugien mit altem Baumbestand befinden sich nämlich häufig im urbanen Raum, d.h. in alten Parks und an Wege- und Straßenrändern. Dort fallen sie Verkehrssicherheitsmaßnahmen zum Opfer.
Im Wald werden die Bäume dagegen so früh gefällt, sodass sich Baumhöhlen oder morsche hohle Stamm- und Starkastpartien gar nicht erst ausbilden können. Die aber wären wichtig gerade für holzbewohnende Insektenarten, darunter zahlreiche seltene oder bereits im Aussterben begriffene Käferarten, aber darüber hinaus auch für Fledermäuse und Vögel, die diese absterbenden und abgestorbenen Bäume besiedeln.
Deshalb muss jetzt für diese Habitate vorgesorgt werden – beispielsweise, indem einzelne starke Bäume stehen bleiben.
Nun erwarte ich nicht, dass Sachsenforst die besten Furnierholzstämme, die Generationen von Förstern gepflegt haben, einfach mir-nichts-dir-nichts der Verrottung überlässt – aber es gibt immer wieder starke Einzelexemplare von Bäumen, oder bereits abgestorbene Bäume, die besser nicht ins Brennholz gesägt werden sollten, sondern aus Gründen des Naturschutzes erhalten werden müssen, um ganz allmählich den Totholzvorrat zu erhöhen..
Auf der anderen Seite diskutieren wir ganz aktuell über gefährdete Arten, wie z.B. das Birkhuhn, das gerade durch geänderte Waldnutzung seine Habitate verliert, weil die benötigten Offenflächen einfach zuwuchern und deshalb ist das Birkhuhn in Sachsen fast ausgestorben. D.h. unberührte Wälder sind nicht zwingend Garanten für eine intakte oder höhere Biodiversität.
Und wir haben ein weiteres Problem: Den Borkenkäfer. Und der wirkt in kränkelnden Fichtenreinbeständen eben besonders gravierend und gefährdet damit umliegende Bestände. Was in Naturschutzgebieten in begrenztem Umfang akzeptiert werden kann, findet bestimmt wenig positives Echo bei angrenzenden Privatwaldbesitzerinnen und -besitzern oder auch bei Sachsenforst selbst, weil hier eben massive Gewinneinbrüche unvermeidbar sind. Deswegen sind hier ein enges Monitoring und auch Gegenmaßnahmen angezeigt.
Genau zwischen diesen verschiedenen naturschutzfachlichen, klimapolitischen und letztlich auch betriebswirtschaftlichen Anforderungen muss sich heutzutage moderne Waldwirtschaft bewegen – und ist dabei in den gegenwärtigen Waldbaumoden und –denkschulen gefangen.
Waldbau macht es möglich, Flächen dauerhaft oder zeitweilig aus der Nutzung zu nehmen, umzubauen, aber zumindest auch einzelne starke Fichten oder Kiefern als Biotopbäume stehen zu lassen und dem Zerfall zu überlassen, wenn der übrige Bestand mit anderen Baumarten aufgeforstet wird. Das widerspricht ggf. betriebswirtschaftlichen Überlegungen, dient aber in besonderer Weise dem Naturschutz und stellt damit ein übergeordnetes Gemeinwohlziel dar.
Das ist es auch, was im Staatswald – im Gegensatz zum Privatwald – leichter und direkter durchgesetzt werden kann, was der besonderen und gesetzlich verankerten Gemeinwohlverpflichtung des Staatsforstbetriebes entspricht und was insofern auch eingefordert werden sollte.
Ich erwarte deshalb von Sachsenforst, dass der Totholzanteil insbesondere bei stärkeren Bäumen durch entsprechende Vorgaben an die Revierleiterinnen und Revierleiter deutlich erhöht wird und ich erwarte weiterhin, dass naturschutzrelevante Flächen nicht nur periodisch, sondern auch dauerhaft aus der Nutzung genommen werden. Dagegen halte ich starre Ziel- und Zeitmarken, wie sie der Antrag der Grünen fordert, für nicht realistisch.
Als LINKE sage ich angesichts der ohne Zweifel miesen Ausgangsbasis von Naturwaldfläche in Sachsen unter Berufung auf Karl Marx: Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Oder anders: Jeder Prozentpunkt nach oben bringt in diesem Fall mehr als objektiv unerreichbare Zielmarken.
Die Fraktion Die LINKE wird sich beim Antrag enthalten.
Es gilt das gesprochene Wort!