Strukturwandel ohne Kohle – Unterwegs mit dem Verein „Lausitzer Perspektiven“ in einer der kreativsten Gemeinden der Oberlausitz: Nebelschütz

Nebelschütz ist ein aus fünf Ortsteilen zusammengewürfeltes 1200-Seelen-Dorf auf fruchtbarem hügeligen Land zwischen Bautzen und Kamenz. Große Felder ringsum, Schweine- und Kuhställe mitten im Dorf boten Vielen Arbeit bis 1990. Nach der Wendeeuphorie passierte auch hier das, was sich flächig im Osten wiederholte: wirtschaftlicher Niedergang, Abwanderung besonders der Jungen, leere Höfe, Schließung der Grundschule, der Kindergarten kurz vor dem Ende. Die ehemalige LPG überlebte, ihr Tierbestand schrumpfte.

Nebelschütz aber hat bis heute einen Vorteil: Bürgermeister Thomas Zschornack. Der katholische Sorbe, der die Wende aktiv begleitet hat, ist Christdemokrat, scheint aber mit seinem weltoffenen Charakter und seinen kulturellen und ökologischen Ideen eher die Funktion eines „Stachels im Fleische der Partei“ ausüben zu wollen und hadert offen mit deren Energie- oder Umweltpolitik. Deshalb wundert es auch nicht, dass Zschornack seit Jahren an der Seite derer steht, die von Abbaggerung bedrohte Dörfer in der Lausitz retten wollen und mehrfach in Schleife vor den Demonstranten der Anti-Kohle-Proteste gesprochen hat. Er weiß auch ohne „Kohle“, wie Strukturwandel gehen kann.

Heute gibt es eine nach modernsten Nachhaltigkeitsstandards erbaute Kita, deren 75 Plätze drei Jahre nach Eröffnung kaum noch reichen, eine freie demokratische Grundschule befindet sich in Planung ebenso wie eine Gemeindeküche, alle Baugrundstücke sind bebaut, sämtliche Wohnungen vermietet. Im Dorfgemeinschaftshaus, gleich hinter dem Dorfpark mit Freifläche für Feste, Abenteuer- und Wasserspielplatz für die Kleinen und neben dem neu gestalteten Fußballplatz, befinden sich das Gemeindeamt, Vereinsräume, Bibliothek, natürlich ein Jugendklub (!) und ein Bioladen. Zur ehemaligen LPG ist ein Biobauer gekommen.Dessen Flächen stellte die Gemeinde zur Verfügung. Um das Dorf, im Abstand von ca. 700 m, drehen sich mehrere Windräder, die niemanden stören. Mit Solarflächen und Photovoltaik produziert das Dorf mehr Strom als es verbraucht. Und auf dem Betriebsgelände eines ehemaligen Steinbruchs vor dem Dorf, das die Gemeinde gekauft hat, wächst ein Experimentierort für Permakultur, betrieben von einem eigenen Verein, und werkeln jährlich Künstler aus aller Herren Ländern an Stein, Holz und Metall. Deren Skulpturen finden sich teilweise im Dorf. Selbst in die Gärten vor den schmucken Häusern ist Bewegung gekommen. Zwar dominiert auch in Nebelschütz noch der kurze, grüne „englische Rasen“. Aber wenn ein Baum, eine Hecke ersetzt werden soll, dann werden heimische, blühende Gehölze und alte Obstsorten bevorzugt statt schnellwachsender Koniferen oder Nadelbäume. Auch dazu berät die Gemeinde, es gibt seit Jahren eine Samentauschbörse. Und im Kulturkalender finden sich neben den üblichen traditionellen Festen ganz selbstverständlich auch Vorträge und Filme – vom Ende der Gentechnik etwa oder zur Ökologischen Landwirtschaft – oder Workshops zur Permakultur. Ideen müssen bekannt werden, bevor sie sich verbreiten können!

Wie bekommt man solch eine Wiedergeburt hin? Die Gemeinde müht sich beständig um einen ausgeglichenen Haushalt, ist aber alles andere als reich. Viele Projekte – der Fußballplatz oder auch die große Blumenrabatte am Festplatz – sind auch hier nur durch ganz viele Eigenleistungen der Bürgerschaft bei ganz wenigen Gemeindemitteln zu stemmen. Der Schlüssel der Entwicklung liegt aus meiner Sicht in einer „Idee von Zukunft“, die weit mehr ist als ein papiernes Entwicklungskonzept oder Dorfentwicklung aus der Schatulle eines Großinvestors. Es ist eher der Traum eines Visionärs und die Kunst besteht darin, daraus einen Traum für Viele zu machen. Dafür muss offen gestritten werden, die Menschen müssen begeistert werden.

Wenn dann noch mutig und vorausschauend aber beständig Flächen in und um die Gemeinde erworben werden, wird Dorfentwicklung erst möglich. Dazu muss der Bürgermeister die Nöte und Wünsche seiner Leute kennen. Nur so erfährt er beispielsweise recht früh auch von Veräußerungsabsichten, weil das große Grundstück im Alter nicht mehr gepflegt werden kann, und kann dann an Lösungen arbeiten, die beiden Parteien gerecht werden. Dem jungen Biobauern, als Teil der Dorfentwicklungsidee sollte er unbedingt eine Chance bekommen, konnte so die benötigte Fläche für den Start des Biohofes mit Mehrheitsbeschluss des Gemeinderates zur Verfügung gestellt werden. Er beliefert heute u.a. den Bioladen.

Die ehemalige LPG war „not amused“. Sie ist immer noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor im Dorf. Zschornack macht aber auch regelmäßig klar, was er als Bürgermeister von einem zukunftsfähigen Landwirtschaftsbetrieb erwartet. Das war so, als die Gemeinde das Überpflügen von Wegen nicht billigend in Kauf nahm. Das war so, als Beschwerden über unsachgemäßes Ausbringen von Dünger oder Pflanzenschutzmitteln bei der Landwirtschaftsbehörde zur Anzeige gebracht und öffentlich gemacht wurden. Das Agrarunternehmen musste sich rechtfertigen. Inzwischen weiß auch der letzte Traktorist, dass in Nebelschütz Nachlässigkeiten nicht geduldet werden. Ein Erziehungsprozess – mühsam, aber durchaus erfolgreich.

Der Bürgermeister hat nach so langer Zeit immer noch genügend Ideen im Köcher. Nicht alle Projekte gelingen. Aber keine stirbt schon an der Amtstür. Auf so einen Ort könnte man tatsächlich Lust bekommen – Lust auf Verweilen, Lust auf Bleiben, Lust zum Sich-Ausprobieren. Das verstehe ich unter Strukturwandel. Dann endet auch Dorfentwicklung nicht mit dem betrauerten Weggang eines Großinvestors. Dort beginnt sie eigentlich erst.