Antrag 6/7029 – CDU/SPD – Entwicklung von Mink-, Marderhund- und Waschbär-Population in Sachsen

 Sehr geehrter Herr Präsident, werte Damen und Herren Abgeordnete,

wenn wir uns in jeder Landtagssitzung um eine Tier- oder Pflanzenart kümmern würden, die sich – gewollt oder ungewollt – in unseren Gefilden wieder oder neu breitmacht und dadurch Konflikte auslöst, wir hätten für die nächsten Legislaturperioden genug Gesprächsstoff. Auf das dahinterliegende Dilemma – dem fortgesetzten Regulierungskreislauf für die Auswüchse unserer Produktions- und Lebensweise – hatte ich bereits bei unserer Debatte um den Wolf im Dezember angespielt.Ich hatte verwiesen auf die stetig wachsende Liste von problematisierten Arten.

Jetzt also Marder, Waschbär und Mink.

Auch diese drei pelzigen Gesellen sind Immigranten, ganz unfreiwillige allerdings, die überwiegend aus Pelztierfarmen entwischen und sich bei uns ausbreiten konnten. Nun geht’s an Integrieren und da führen auftretende Konflikte schnell zu Extrempositionen. Das kennen wir ja. Allerdings ist der Frontverlauf in dieser Debatte etwas unübersichtlicher, weil auch Naturschützer noch keine einheitliche Position gefunden haben zum Umgang mit gebietsfremden invasiven Arten. Die Kiste scheint tatsächlich festgefahren: Da wird beispielsweise in einer Radiosendung des MDR 2016 berichtet, dass der Waschbär den Fuchs aus seinem Lebensraum verdrängt – seinem Lebensraum Großstadt in diesem Fall.Wenn man sich allerdings nur die Entwicklung der Jahresjagdstrecken 2014/15 in der Bundesrepublik anschaut, scheint übermäßige Sorge um Reinecke unbegründet, denn allein in der vergangenen Jagdsaison wurden über 20 % mehr Füchse und übrigens in der gleichen Größenordnung auch mehr Waschbären gegenüber dem Vorjahr erlegt. Die Population der Füchse ist also nicht bedroht – auch nicht durch den Waschbären. Ähnliches kann man herauslesen, wenn man sich die Jagdstreckenentwicklung für  Raubtiere bis 2013/2014 in Sachsen anschaut. Seit Jahren steigt die Anzahl der gejagten Waschbären, Marderhunde und Minke – aber beispielsweise auch die des einheimischen Dachses. Rückläufig entwickeln sich dagegen die Jagdstrecken für Fuchs und Marder. Im Vergleich ergibt sich für heimische Raubtiere wie Neuankömmlinge zusammen trotz extremer Steigerungen auf der einen Seite eine relativ stabile Gesamtzahl von rund 27.000 erlegten Raubtieren. Die Anzahl der Prädatoren bleibt offenbar annähernd gleich. Im Jahr 2016 schlagen Meißner Ornithologen Alarm, nach dem der – O-Ton SZ – „gefräßige Räuber“eine Graureiherkolonie auf der Elbinsel Gauernitz ausgerottet hatte. Diese Tatsache ist nicht zu leugnen. Waschbären plündern Nester heimischer Vögel, aber nicht nur sie. Jetzt sorgt man sich um weitere geschützte Vogelarten. Was aber wäre, wenn heimische und möglicherweise ebenfalls seltene Raubtiere diese Vogelnester ausgeräumt hätten – beispielsweise der europäische  Nerz, der als ausgerottet gilt. Wäre da der Aufschrei auch so groß gewesen? In Sachsen-Anhalt wurde die Konfliktsituation„Waschbär gegen Graureiher“ wissenschaftlich untersucht: Bei einer Graureiherkolonie im Salzlandkreis konnte man nachweisen, dass der Bestand an Brutpaaren proportional zur Ausbreitung des Waschbären kleinräumlich zurückgeht, aber der Gesamtbestand an Brutpaaren im Landkreis gleichgeblieben ist. Das Fazit für Sachsen-Anhalt:  Der Waschbär führte zur Verdrängung des Graureihers aus einem konkreten Lebensraum, nicht aber zu seiner Ausrottung. Diese Beispiele machen deutlich: Eine gebietsfremde Art kann schnell in Verruf geraten, wenn statt der Ursachen für ihre Ausbreitung zu stark auf isolierte Symptome von Artverlusten abgestellt wird. Anders gesagt: Es gibt selten den einen Hauptfeind, sondern ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, die Arten übermäßig bevor- oder benachteiligen und zu einer Bestandsgefährdung führen können. Dem Graureiher, um beim Beispiel zu bleiben – wie Wildvögeln allgemein – setzen eben Monokultur, Agrargifte und Überdüngung bis hin zu Industrie/Verkehrs- und Infrastrukturanlagen mindestens genauso zu wie Nesträuber, von denen der Waschbär auch nur einer unter vielen ist. Der Ruf nach Entnahme  von Pflanze oder Tier kommt schnell, er muss aber sehr gut überlegt werden, denn eine Entnahme wirkt selten dauerhaft, häufig sogar kontraproduktiv, manchmal ist der Vorgang auch rechtlich umstritten. Die Fallenjagd kollidiert eben mit dem Tierschutz. Andererseits bringt Schießen nicht viel: Bereits 2005 stellen die Wissenschaftler Langgemach und Bellebaum in einer Forschungsarbeit für das Landesamt für Umwelt Brandenburg zum Thema „Prädation und der Schutz bodenbrütender Vogelarten in Deutschland“ fest – Zitat: „Die Ausbreitung und rapide Bestandszunahme von Marderhund und Waschbär wurden auch durch eine Bejagung ohne Schonzeit nicht ansatzweise verhindert, wahrscheinlich nicht einmal verlangsamt. Dasselbe ist für den Mink anzunehmen.“ Eines scheint jedoch sicher: Ökosysteme unterliegen dynamischen Veränderungen – heute mehr denn je, nicht zuletzt forciert durch Globalisierung und Klimawandel. Ein System, das nichtheimische Arten – konsequent abgrenzt und bekämpft, kann es deshalb nicht geben und es ist auch unsinnig, weil sich die meisten dieser Invasoren ziemlich unspektakulär in den neuen Lebensraum einfügen und ihn sogar bereichern können – Stichwort bienentrachtarme Landschaft.

In Europa geht man aktuell von 12.000 nichtheimischen Arten aus. Lediglich 37 davon attestiert man reale Gefahren für die biologische Vielfalt aber z.B. auch für die menschliche Gesundheit. Zumindest unseren Waschbären finden wir auf dieser Liste. Hier kann es unter Umständen notwendig werden, steuernd einzugreifen. Steuern heißt allerdings längst nicht zwingend Schießen oder Fangen. Das Spektrum an Maßnahmen ist breit. Noch einmal zitiere ich aus der Forschungsarbeit von Langgemach und Bellebaum: „Auch gut begründete Schutzmaßnahmen können demnach schwer vorhersehbare Nebeneffekte haben, die den Erfolg dieser Maßnahmen in Frage stellen. Die besondere Verantwortung des Naturschutzes besteht darin, die Lebensräume durch geeignetes Management so zu gestalten, dass sie den Zielarten günstige Reproduktionsbedingungen bieten und Prädation auf ein nicht bestandsgefährdendes Ausmaß verringert ist.“ Es geht also um intakte Lebensräume und weniger um die Ausrottung ausgewählter Arten. Und deshalb kommt man kaum umhin, genau zu schauen, was da eigentlich wovor geschützt werden soll und wo die Ursachen für eine unerwünschte Artenverschiebung liegen. Aber insbesondere im Punkt römisch II wird die von mir angemahnte Gesamtschau auf das Ökosystem und die Vielfalt an Negativfaktoren für Zielarten durchbrochen. Hier geht es wieder allein um Bestandsreduktion von Mink, Marderhund und Waschbär. Deren Jagdstrecken allein sind aber keine belastbare Grundlage für Aussagen zum Prädationsdruck auf heimische Arten.  Ich habe versucht darzustellen, dass diese isolierte Bekämpfung einzelner Arten aufwändig ist, dabei aber langfristig wenig bringt. Insofern springt der Antrag deutlich zu kurz. Und: Wie für den Wolf gilt: An den Schlussfolgerungen wird zu erkennen sein, welchem Zweck derartige Anträge wirklich dienen. Aufgrund der Defizite des Koalitionsantrages wird sich meine Fraktion in der Abstimmung enthalten. Zum Änderungsantrag der AfD: Wie man in einem solch kurzen Text soviel Unsinn verzapfen kann, das erinnert stark an aktuelle Trumpsche Übersprungsreaktionen.  Nur so viel: Die Fallenjagd – egal ob Tot- oder Lebendfang – trifft viele Nichtzielarten und sie ist auch deshalb strittig, weil das Tierschutzgesetz, das nicht unterscheidet zwischen heimischer und nichtheimischer Tierart, eigentlich den allgemeinen ethischen Grundsatz der Verhinderung des Leidens für das Mitgeschöpf Tier zugrunde legt. Und wegen der Fuchsohrprämie ereilte Sachsen im Jahr 2010 ein gigantischer bundesweiter Shitstorm u.a. auch von Jägern, die sich selbst nämlich nicht gern als Schädlingsbekämpfer sehen – ganz abgesehen von der umstrittenen Wirksamkeit der Prämie.  Aber mit differenzierter Folgenabschätzung hat es ihre Partei halt nicht so. Den Antrag lehnen wir selbstverständlich ab.